Der Prozess · Schritt 1 von 6

Schnelltest

Lohnt die Aktie überhaupt eine tiefere Analyse?

Warum dieser Schritt zuerst kommt

Der Schnelltest ist bewusst der erste Filter, nicht der letzte. Bevor auch nur eine einzige Kennzahl berechnet wird, klärt er eine viel banalere Frage: Ist diese Aktie überhaupt in einem Zustand, der eine seriöse Analyse zulässt? Fehlt ein Geschäftsbericht, ist der Handel ausgesetzt, oder gibt es seit Monaten keine erreichbare Investor-Relations-Stelle, dann ist jede weitere Zeit in Bilanzanalyse oder Bewertung verlorene Zeit.

Der Test ist absichtlich niedrigschwellig gehalten: keine Berechnung, keine Bilanzkennzahl — nur beobachtbare Fakten, die sich in wenigen Minuten auf der Kursseite, der Investor-Relations-Seite und im letzten Geschäftsbericht finden lassen.

Die sechs Prüfpunkte

  • Aktueller Jahres- oder Halbjahresbericht öffentlich zugänglich, ohne Anmeldung oder Bezahlschranke?
  • Durchgehendes tägliches Handelsvolumen, ohne tagelange Nullumsatz-Phasen?
  • Stabiles Marktsegment (reguliert oder Freiverkehr), ohne erzwungenen Wechsel?
  • Mindestens ein volles Geschäftsjahr in der aktuellen Struktur?
  • Erreichbare, reagierende Investor-Relations-Kontaktstelle?
  • Marktkapitalisierung nicht so klein, dass kleine Orders den Kurs stark bewegen?

Ergebnis

Zwei oder mehr negative Punkte → in der Regel keine tiefere Analyse, sondern höchstens eine sehr lockere Beobachtungsliste.

Typische Fehler

  • Den Schnelltest überspringen, weil die Story vielversprechend klingt — genau dann lohnt er sich am meisten.
  • Einen einzelnen positiven Punkt als ausreichend werten, ohne die anderen fünf zu prüfen.
  • Den Bericht nur auf Existenz prüfen, nicht auf tatsächliche Aktualität.

Beispiel-Logik

Beispiel (ohne Bezug auf ein reales Unternehmen): Eine Aktie besteht fünf von sechs Punkten — aber eine Order von wenigen tausend Euro bewegt den Kurs um über fünf Prozent. Die Liquidität bleibt ein eigenständiges Warnsignal, das in Schritt 6 bei der Positionsgrößen-Entscheidung berücksichtigt werden muss.

Häufige Fragen

Wie lange dauert der Schnelltest wirklich?
Bei vorhandenem Geschäftsbericht und einer Kursseite mit Handelsdaten sind die sechs Punkte in der Regel in unter zehn Minuten zu beantworten.
Was, wenn genau drei von sechs Punkten negativ ausfallen?
Die Schwelle von „zwei oder mehr" ist bewusst niedrig gewählt; drei negative Punkte sprechen in aller Regel für einen Ausschluss statt einer tieferen Analyse.
Zählt eine einzelne Handelsaussetzung schon als Warnsignal?
Eine einzelne, technisch begründete und schnell aufgehobene Aussetzung ist weniger relevant als wiederholte oder länger andauernde Aussetzungen.
Sollte der Schnelltest bei jeder erneuten Prüfung wiederholt werden?
Ja — insbesondere Bericht, Handelsvolumen und Liquidität können sich zwischen zwei Prüfzeitpunkten deutlich ändern.